Der Wiener Zentralfriedhof

Text: Arne Cordes
Foto: Marieke Wist

Die zweite Hälfte unserer Exkursion begann mit dem letzten Programmpunkt, der uns noch in Wien  erwartete. Und so trafen wir am Donnerstagmorgen nach relativ langer Fahrt bis zum Stadtrand am Zentralfriedhof ein, der mit seinen ungefähr 330.000 Gräbern zu einem der größten in ganz Europa zählt. Der Hauptteil des Friedhofs ist zwar interkonfessionell, allerdings ist es den Angehörigen aller Glaubensrichtungen möglich, sich auf separaten Teilen begraben zu lassen, die den jeweiligen Konfessionen vorbehalten sind. So ist es sowohl Protestanten, Orthodoxen und Muslimen, als auch Buddhisten und  Mormonen möglich, neben Gleichglaubenden ihre ewige Ruhe zu finden.

Genau einer dieser Bereiche war für heute unser Ziel, nämlich der jüdische, genauer gesagt der alte jüdische Friedhof. Der alte und der neue jüdische Friedhof unterscheiden sich, wenig überraschend, durch ihr Alter. Der alte wurde 1879 eröffnet, der neue 1916. Diese Differenz spiegelt sich logischerweise auch in den Gräbern wieder. So wurden im alten Friedhof primär die Mitglieder der jüdischen Gemeinden beerdigt, die vor dem Zweiten Weltkrieg starben, auf dem neuen folglich primär die, die später starben.

Da selbst der alte jüdische Friedhof allein so groß ist, dass wir uns ohne Führung sicherlich darin verloren hätten, war es ein Glück, dass eben diese uns zur Seite stand und zeigte, wie Friedhöfe für HistorikerInnen erschließbar sind. Diese bestand zum einem aus Ines Koeltzsch, die uns den Friedhof unter anderem als Zeugnis der Migrationsgeschichte näher brachte, und zum anderen aus Tim Corbett, der schon länger zum Friedhof und seinen Gräbern forscht und so wusste, wo interessante Grabmale zu finden waren, aber gleichzeitig auch als unser Hebräischübersetzer fungierte. Ohne Verständnis dieser Sprache wäre der Friedhof sicher nur halb so ergiebig an Information gewesen.

Wir begannen unsere Tour über den Friedhof mit einer kurzen Einführung, während der uns grob erklärt wurde, wie die  jüdische Gemeinde Wiens über die Zeit gewachsen war und woher die zugezogenen Juden und Jüdinnen eigentlich kamen, da diese Informationen  zum Einordnen von vielen Gräbern essentiell war.

Anschließend begannen wir unsere Tour, indem wir uns die vom Eingang aus betrachtet erste Reihe an Gräbern ansahen, an der die prominentesten und wichtigsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde einen Ehrenplatz erhielten. Bereits dort merkten wir schnell, wie wichtig das Hebräisch war, um ein Grab als Ganzes erfassen zu können. Oft waren nur die wichtigsten Informationen, z.B. Geburts- und Sterbedaten auf Deutsch in den Stein gemeißelt, alles darüber hinaus, was eine Grabinschrift individuell macht, war nicht selten ausschließlich auf Hebräisch. Ebenfalls ins Auge sprang der verfallene Zustand der Gräber. Selbst an der Stelle, an der die wichtigsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde begraben lagen, waren viele Grabsteine teilweise kaputt und überwuchert.

Wir setzten unsere Tour durch den Friedhof mit einem Gang durch die „Hauptstraße“ des Friedhofs fort. Dort lagen ebenfalls nur die wichtigeren Mitglieder der Gemeinde, ein Grab eines unbedeutenden Handwerkers hätte man an ihr vergebens gesucht. Der verwahrloste Eindruck vom Anfang setzte sich hier noch stärker fort. An Stellen, an denen im Zweiten Weltkrieg eine Bombe einschlug, standen haufenweise kleine Markierungen, die verrieten, dass unter ihnen eine nun anonyme Person begraben liegt. Die Grabsteine, nach dem Einschlag selten noch intakt, wurden an der Friedhofsmauer aufgetürmt. Fast überall wucherte das Grünzeug über Gräber. Nur an sehr wenigen Stellen, für die sich noch Personen fanden, die für die Instandhaltung zahlten, waren die Pflanzen gepflegt und stachen so wie kleine Inseln aus einem dunkelgrünen Meer hervor. Selbst Grabsteine, die nicht von Bombeneinschlägen zerstört wurden, waren durch den Zahn der Zeit stark beschädigt, die Schrift teilweise so verwittert, dass sie kaum noch lesbar war. Insgesamt sorgte dies, zumindest bei mir, für ein Gefühl sehr tiefer Ruhe, gemischt mit Bedauern um diesen verwahrlosten Teil Jüdischer und Wiener Geschichte.

Frau Koeltzsch machte uns oft auf Gräber aufmerksam, an denen klar erkennbar war, dass diese Familie zum damaligen Zeitpunkt noch nicht sehr lange in Wien  gewesen war. Dies ließ sich meist am Namen erkennen, hin und wieder waren auf den Gräbern aber auch Inschriften in Tschechisch, Ungarisch oder anderen Sprachen zu finden. Man merkte schnell, dass die jüdische Gemeinde Wiens zu der Zeit aus allen Teilen der Doppelmonarchie kam. Das wohl außergewöhnlichste Grab war das eines Sephardim, das durch seinen orientalisch anmutenden Baustil und seiner Extravaganz stark von den anderen Gräbern hervorstach.

Neben der Herkunft gaben die Grabmale allerdings noch einige andere interessante Dinge über die jüdische Gemeinde dieser Zeit preis. So fiel beispielsweise auf, dass auf den Grabsteinen oft der Status als Grundbesitzer vermerkt war, etwas, das aus heutiger Sicht etwas befremdlich wirkt. Doch die Erklärung dafür liegt in der Geschichte der Juden in Europa. Es war ihnen lange Zeit verboten, Grund zu besitzen, dieses Recht bekamen sie erst mit der Emanzipation 1867, mit der sie auch alle anderen Bürgerrechte erhielten. Der Status als Grundbesitzer war für viele Juden also der Beweis, dass sie vollwertige Bürger Österreichs waren, etwas, dass ihnen wichtig war, es auf ihrem Grabstein  zu vermerken. Auch auffallend war die Abwesenheit von Frauengräbern. Zwar wurden viele Frauen neben ihren Männern begraben, wenn man auf den Gräbern dann aber über die Errungenschaften und Titel der Männer liest und für die Frau der Zusatz genügt, sie sei mit dem obenstehenden Mann verheiratet, wird schnell klar, wer Grund dafür ist, dass das Grab einen prominenten Platz bekam. Insgesamt haben wir in den Hunderten von Gräbern an dieser „Hauptstraße“ eines gesehen, das klar die Verdienste einer Frau würdigt und in dem sie alleine begraben wurde.

Abschließend kamen wir an den Kriegerfriedhof, den Teil des jüdischen Friedhofs, an dem die Veteranen des Ersten Weltkriegs begraben liegen. Dieser ist, im Gegensatz zum Rest, hervorragend gepflegt, was wie uns Herr Corbett offenbarte, daran lag, dass die Instandhaltung von der Österreichischen Armee finanziert wird, die sich um sämtliche Soldatengräber kümmert.

Abschließend lässt sich der Besuch des alten jüdischen Friedhofs als durch und durch lohnenswert bezeichnen. Er kartographiert und spiegelt das jüdische Leben Wiens auf eine Art und Weise wieder, die in vielen Ländern Europas selten der Fall ist, da ein großer Teil durch die Nationalsozialisten zerstört wurde. Gleichzeitig inspiriert er und liefert endlose Ideen, wie man sich diesem Thema weiter annähern kann. Und selbst wenn all das für einen selbst nicht interessant ist, so kann man durch einen Gang über ihn immerhin Anregungen für ein eigenes Grab suchen, wie es auch in unserer Gruppe vorgekommen ist.

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