Zwischen Migration, Netzwerken und politischen Debatten

Ein Gespräch mit Matthias Kaltenbrunner

Text: Philipp Mangels

Auf unserer Exkursion steht neben der Erkundung gebauter Utopien der Moderne insbesondere die Betrachtung der Wahrnehmung von Teilung und Einheit auf dem Programm. Dieses Thema ist sehr facettenreich und kann über eine Vielzahl an Zugängen untersucht werden. Ein solcher ergibt sich beispielsweise durch die Forschung von Migrationsprozessen und -transfers.

Matthias Kaltenbrunner, Universitätsassistent an der Universität Wien, hat sich mit diesem Thema insbesondere in seiner Dissertation auseinandergesetzt. Deswegen treffen wir ihn am Dienstagnachmittag am Institut für Osteuropäische Geschichte zum Gespräch.

Matthias Kaltenbrunner referiert zunächst über die Migrationsbewegungen am Fallbeispiel des ukrainischen Dorfes Rusiv nach Kanada. Dabei folgt dem methodischen Zugang zum Themenbereich der Migration die Analyse des Fallbeispiels durch die verschiedenen Epochen seit dem späten 19. Jahrhundert.

Wie Herr Kaltenbrunner erläutert, stehe der ausgewählte Ort dabei stellvertretend für die ukrainische Migrationsgeschichte und sei in seiner staatlichen Zuordnung einem starken Wandel unterzogen: Das Dorf sei bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein Teil Galiziens in der Habsburgermonarchie gewesen, anschließend habe es auf polnischem Staatsgebiet gestanden. Während des Zweiten Weltkriegs habe es sich zunächst in sowjetischem Einflussgebiet befunden, zwischenzeitlich unter nationalsozialistischer Herrschaft gestanden und schließlich, bis zu ihrem Ende, wieder zur Sowjetunion gehört.

Aus diesem Beispiel erhoffen wir uns Rückschlüsse auf die Migrationsgeschichte zwischen Wien und Bratislava, Österreich und der Slowakei sowie „Westeuropa“ und dem „Ostblock“.

Man müsse, so Matthias Kaltenbrunner, bei der Betrachtung von Migration, Integration und Geflüchteten einen Perspektivenwechsel vom aufnehmenden Staat zu einzelnen Migrationsgemeinschaften vornehmen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass temporäre Migration ein wechselseitiger Prozess sei, der zu Migrationsnetzwerken führe. Die Existenz eines Dorfes mit einer hohen Migrationsrate sei dementsprechend nicht gefährdet, wenn durch finanzielle oder materielle Rücküberweisungen der Migrant*innen ein Transfer zurück zum Herkunftsdorf stattfinde. Matthias Kaltenbrunner spricht in seinem Beispiel von „global vernetzten Dörfern“, die auch in Zukunft durch die Vernetzung von Migrant*innen und Nichtmigrant*innen weiterexistieren könnten.

Nach dem Vortrag beginnt unsere Exkursionsgruppe, Nachfragen zu stellen. Insbesondere interessiert uns dabei der Rückschluss von der Vergangenheit auf die Gegenwart. Dass neue Kommunikationswege wie das Internet die Netzwerke verändern würden, stellen wir ebenso fest wie eine Ideologisierung der Sowjetunion von Migrant*innen bis in die heutige Zeit.

Der Ansatz lässt unserer Meinung nach außerdem viele Möglichkeiten zur Verbindung mit aktuellen Themen rund um Geflüchtete zu. Wie könne sich die österreichische und die deutsche Debatte mit diesem geforderten Perspektivenwechsel ändern? Inwiefern werde eine Unterscheidung von wirtschaftlich und nicht wirtschaftlich geflüchteten Menschen relevant? Da Matthias Kaltenbrunner jedoch kein Experte für die Räume des Nahen Ostens und Afrika ist, will er sich bei der Beantwortung dieser Fragen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Er halte sich viel eher aus der politischen Debatte heraus. Dies ist auf der einen Seite schade, da Zeithistoriker*innen die Chance wahrnehmen sollten, ihre Forschung auch für aktuelle Debatten offenzulegen. Auf der anderen Seite können seine neuen Ansätze und Perspektiven andere Wissenschaftler*innen dazu inspirieren, den Blick verstärkt auf Länder mit einer hohen Rate an Flüchtenden zu richten.

Im Gespräch selbst erfahren wir nur wenig über die Slowakei und Österreich. Interessant waren aber auch die Ausführungen von Matthias Kaltenbrunner zum Ungleichgewicht des Erasmus-Austauschs zwischen Wien und ehemaligen Ostblockstaaten: Während es verhältnismäßig wenige Studierende von der Universität Wien gäbe, die in den ehemaligen Ostblockstaaten ein Auslandssemester machen, gebe es in die Gegenrichtung wesentlich mehr Transfers.

Alles in allem hilft uns dieses Gespräch am Anfang der Exkursion, das Thema der Migration und Konzepte der Teilung auf der weiteren Reise im Hinterkopf zu halten. Unter anderem auf dem Zentralfriedhof in Wien wird  uns dieses Thema wieder sehr allgegenwärtig sein.

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