Burg Devín – Geburtsort slowakischer Identität

Text: Natalia Wollny
Foto: Marieke Wist

Burg Devín – heute eine Ruine, einst eine Grenzburg inmitten historischer Geschehnisse, die die Slowakei geprägt haben. Auf einem Hügel steht die Burg, deren Ruinen sich steil in die Höhe strecken und wacht über den Zusammenfluss der Donau mit der March. Von der Burg aus überblickt man die slowakische Weite, das niederösterreichische Grenzland und den nahegelegenen Berg, Devínska Kobyla (Thebener Kogel). Die Gründe für die Errichtung der Burg an diesem Standort sind evident.

Etwa zwanzig Minuten fährt man vom zentralen Busbahnhof in Bratislava in die beschauliche Ortschaft Devín, vorausgesetzt, man findet den richtigen Abfahrtsort des Busses (Standort 6 unter der Brücke). Nach einem ordentlichen Fußmarsch den Hügel hinauf, vorbei an archäologischen Ausgrabungsstätten und einem Esel, erreicht man die Ruine der Burg Devín.

Schon über die Entstehung des Namens der Burg ranken sich Mythen. Devín soll von „Dowina“, slowakisch für „Jungfrau“ oder „Magd“ abgeleitet sein, kann aber auch für die Göttin Deva stehen. Erbaut im 9. Jahrhundert als Grenzburg, war sie jahrhundertelang in dem Besitz verschiedener Adelsfamilien, bis sie 1809 von napoleonischen Truppen gesprengt wurde.

Doch die Burg ist nicht nur Tourismuszentrum und historische Stätte. Gleichzeitig ist die Burgruine Devín ein wichtiger Ort für die slowakische Nationalbewegung, die die Identität des slowakischen Volkes und den Ursprung der slawischen Nation in der Burg verankert sieht. In Devìn konzentrieren sich zwei verschiedene Grundpfeiler der Erinnerung an den Mythos der slawischen Großmacht.

Zum einen handelt es sich um den Kyrill-und-Method-Kult, dem Kult um zwei byzantinisch-christliche Missionare, die im 9. Jahrhundert nach Ostmitteleuropa kamen, um die slawischen Völker zu missionieren. Ihr Wirken hatte großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der slawischen Völker. Im 17. und 18. Jahrhundert verstärkte sich der Kult und wurde zu einer wichtigen Stütze der sich herausbildenden nationalen Symbolik der Tschechen und Slowaken, besonders bei Letzteren spielte er während des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der Schaffung einer nationalen Identität. Dieser Kult war maßgeblich für die Konstruktion Devíns als Erinnerungsort der Slowak*innen.

Zum anderen lokalisierte der Kirchenhistoriker Salagius in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Devín als ersten Sitz Svatopluks. Dieser war von 870/871 bis 894 der Fürst von Mähren, der mit einer Eroberungs- und Christianisierungspolitik gegenüber den benachbarten slawischen Stämmen  Mähren zur größten territoriale Ausdehnung und seinem Aufstieg zu einer mitteleuropäischen Großmacht verhalf.  So liegt es zum Teil an Salagius, dass Devín wieder Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Weiterhin stieg im 18. Jahrhundert  das Interesse an der Burg und Gemeinde Devín mit der aufkommenden Idee des Kulturerbes und dem wachsenden Interesse an historischen Kulturdenkmälern.

Von Devín ist leider nicht mehr viel erhalten, dennoch reichen die Überreste, um sich ein Bild der ursprünglichen Burg zu machen. Zwei große Überreste des Gemäuers sind übrig geblieben, das nördlichste Element kann man besteigen, um  zu einer großen Aussichtsplattform auf dem Dach zu kommen. Gleichgültig in welche Richtung man sich auf der Plattform drehte, überall fühlte man sich wie in einer klassischen Szene der Landschaftsmalerei. Die romantische Burgruine, hinter der sich die Windungen der Donau und weichen Hügel der Landschaft vom Horizont abhebten, vor allem an dem herrlichen Sonnentag, an dem wir Devín besichtigten, war unglaublich schön und nahezu bezaubernd. Die Burgruine zog spätestens dann die meisten von uns in ihren Bann.

Versteckt in den höhlenartigen Räumlichkeiten im Inneren der Ruine finden sich zwei Ausstellungen, deren Schwerpunkte auf archäologischen Funden beruhen. Anhand dieser historischen Funde wird die Geschichte der Burg erzählt, beide Ausstellungen sind jedoch nicht sehr umfangreich. Aufgelockert wurde das Ambiente auf der Burg durch mittelalterliche Inszenierungen am Hang des Hügels. In Zelten lagen verschiedene Gegenstände und nachgebaute Waffen, die als „typisch mittelalterlich“ gelten sollten, und deren Handhabung von kostümierten Menschen erklärt wurde. Ein großes Highlight war das Bogenschießen, bei dem ein Teil der Gruppe seine Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte. Wie groß war die Freude und der Stolz, als die Zielscheibe von einigen getroffen wurde! Nachmittags machten wir uns zurück auf den Rückweg nach Bratislava.

Selbst heute noch Macht und Stärke ausstrahlend, mag man sich kaum vorstellen, was für ein imposanter Ort diese Burg einst gewesen mochte. Und obwohl diese bis fast zur Unkenntlichkeit zerstört wurde, strahlt sie immer noch eine Art Ewigkeit aus und reiht sich in die Landschaft ein, als hätte sie dort schon immer gestanden und würde noch lange nach unserer Zeit stehen bleiben.

Mehr Infos zur Burg Devín, seiner Geschichte und Erinnerungskultur:

Kiliánová, Gabriela: Identität und Gedächtnis in der Slowakei. Die Burg Devín als Erinnerungsort, (Schriftenreihe der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, Band 4), Frankfurt am Main 2011.

 

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