Die Heimat der Heimatlosen – Das Nachtasyl in Wien. Ein Gespräch mit Jiří Chmel.

Text: Klaas Anders
Foto: Natalia Wollny

Im Rahmen einer studentischen Exkursion besuchen 14 Studierende der Universität Bremen die Städte Wien und Bratislava. Die Studierenden beschäftigen sich im Zuge der Exkursion und ihres Studiums mit Fragen der ost(mittel)europäischen Geschichte und spezifisch des tschechoslowakischen Dissens. Daher lag es nahe, das Wiener „Nachtasyl“ zu besuchen. Wir treffen Jiří Chmel in seiner Kneipe und kommen ins Gespräch.

Therea Hornke, Lisa Städler und Klaas Anders im Gespärch mit Jiří Chmel. Bild: Marieke Wist

Das „Nachtasyl“ wurde in den 1980er Jahr vom tschechoslowakischen Dissidenten und Exilanten Jiří Chmel gegründet. Chmel, der durch ein Konzert der legendären „Plastic People of the Universe“ in den tschechoslowakischen „Underground“ kam, wurde zu Migration gedrängt, nachdem er bereits zu mehreren Monaten Gefangenschaft verurteilt war. Der Grund: in seinem Haus hatten mehrere Menschen die Charta 77 unterschrieben. Diese Charta war das zentrale Manifest des späten tschechoslowakischen Dissens. Viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen unterzeichneten sie – beispielsweise der spätere tschechoslowakische Präsident Vacláv Havel, der ein guter Freund Chemls war. Bei seinem ersten Besuch in Wien besuchte Havel erst die Hofburg und fuhr dann ohne Umwege zum Nachtasyl. Auch andere Dissident*innen und Intellektuelle gingen in der Kneipe ein und aus, unter ihnen Pavel Kohout und Karel Schwarzenberg. Der Radiosender „Radio Free Europe“ übertrug Konzerte live aus dem Nachtasyl und auch die tschechoslowakische Staatsicherheit interessierte sich für das Treiben in der Kneipe, erzählt Chmel.

Eine ganze Generation an tschechoslowakischen Exilant*innen feierte, trauerte und diskutierte im Nachtasyl. Die Mitglieder dieser Generation von Dissident*innen waren allesamt Unterzeichner*innen der Charta, denen die Regierung Kreisky Asyl in Österreich gewährte. Die Meisten von ihnen kamen nach Wien und blieben. So auch Jiri Chmel, der heute zwischen einem kleinen, böhmischen Dorf und der Metropole Wien pendelt. Wien war für fast 30 Jahre sein Zuhause, nach Prag zieht ihn nichts zurück. Chmel hadert mit der gegenwärtigen tschechischen Politik und ist froh, mit seinem Nachtasyl in Wien geblieben zu sein.

Dem Nachtasyl sieht man sein Alter an. Mitten in der Wiener Innenstadt, in der Nähe des Westbahnhofes gelegen, stechen die eher rustikale Kellerkneipe und ihr Pendant, das „Tagasyl“, aus dem Stadtbild heraus. Als Nachbarn, berichtet Chmel, habe er schon lange keine besetzten Häuser mehr, wie es noch Anfang der 1990er Jahre der Fall gewesen sei. Dennoch kommen auch heute noch junge Menschen in das Nachtasyl und treffen die alten Künstler*innen und Exilanten. Besonders im „Tagasyl“ spürt man den Ursprung der Kneipe. Noch immer zieren aktuelle Kunstwerke tschechischer Migrant*innen die Wände. Das „Nachtasyl“ ist schon lange nicht mehr nur im Untergrund ein Begriff. 2010 drehte das ZDF eine Dokumentation über die „Heimat der Heimatlosen“ und 2013 produzierte das Projekt „European Territorial Co-Operation Austria-Czech Republic 2007-2013“ in Zusammenarbeit mit den Städten Wien und Brünn ebenfalls eine kleine Dokumentation, die sich mit Musik, Underground, Dissens und dem Nachtasyl beschäftigt. Die Geschichte der Kneipe ist bereits lang, das spürt auch Jiří Chmel und beantwortet die Frage nach der Zukunft des Asyls lachend mit dem Satz: „Ich hoffe in zwei Jahren ist der Laden dicht.“ Ob jemand anderes die Kellerkneipe in der Stumpergasse fortführen wird, bleibt offen. In Prag, berichtet Chmel, habe man die Chartist*innen schon längst vergessen. Wenige reden über sie und noch weniger Menschen reden gut über sie. Die einzige Ausnahme stellt wohl Vacláv Havel dar. Doch auch die Erinnerung an den bekennenden Europäer Havel ist getrübt von nationalistischer Erinnerungspolitik, die den „Havelismus“ zurück drängen will.[1]

Prag hat Chmel und seine Freund*innen vielleicht vergessen, in Wien aber leben sie im Nachtasyl weiter und ihr Erbe bleibt spürbar.


[1] Vacláv Klaus spricht vom „Havelismus“ in seinem Buch „Chtěli jsme víc než supermarkety“.

Weiter führt er seine Kritik in einem Interview mit idenes.cz vom 01.11.2014 aus. Vgl. Köhler, Niels: Václav Klaus: „Havel war eigentlich Reformkommunist“, online unter http://www.tschechien-online.org/nachrichten/vaclav-klaus-havel-war-eigentlich-reformkommunist-01112014-9097, (Stand: 10.04.2017).

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